PREDIGT zum KARFREITAG über Lukas 23
“Warum hängt denn da ein Mann?”
Die besten Predigten sind die, wo man als Hörer mitdenken muss. Wo keine vorgefertigten Antworten geliefert werden, alles schlüssig und erschöpfend ausgepredigt wird.
Heute ist Karfreitag.
Der Tod Jesu ist das wichtigste Geschehen, das die ersten Christen und vor allem Paulus unentwegt beschäftigt hat und das sie zu verstehen und zu deuten versuchen.
Gründonnerstag war der Kindergarten hier in der Kirche zu Gast. In unserem Altarraum liegt es nahe, die ganze Ostergeschichte anhand den Kunstwerken, die hier verteilt sind, zu zeigen. Das haben wir getan, haben den Blick von hier nach dort wandern lassen und nebenbei noch die Wochentage von Donnerstag bis Sonntag eingeübt.
In der Altarmitte ist das Abendmahl dargestellt. Jedes Kind hat verstanden, dass es schön ist, mit Freunden an einem reich gedeckten, großen Tisch zu sitzen. So waren Jesus und seine Freunde am Gründonnerstag beisammen.
Dann haben wir eine Pieta -die Mutter mit ihrem toten Sohn. Unendlich traurig. Auch das kennen die Kinder -Trauer und Heulen.
Ostersonntag dann oben auf dem Altar der Auferstandene in Siegerpose. Muß ich nicht viel erklären -es spricht für sich und ist kinderleicht zu verstehen.
Ins Straucheln bin ich nur gekommen, als wir den Karfreitag bedacht hatten: Im Altarraum sieht man Jesus, lebensgroß am Kreuz. Und ein Kind fragte auch gleich: “Warum hängt denn da ein Mann?”. Und ich deklamierte: “Dies ist der Retter der Welt, der an unserer Statt den Opfertod auf sich genommen hat und die Sünde der Welt trägt zur Versöhnung mit Gott.” Das habe ich freilich nicht gesagt, sondern etwas Anderes, Kindgemäßes. Einer meiner Theologieprofessoren hat uns Studenten angedroht, dass wir nicht von ihm geprüft werden, sondern von Kindern -das sind nämlich die wirklich schweren Fragen: “Warum hängt denn da ein Mann?”
Der Tod Jesu ist so unklar wie kaum etwas anderes im Neuen Testament. Schon die vier Evangelisten erzählen vom Leiden und Sterben sehr ausführlich, aber eben auch unterschiedlich. Zum Beispiel, welche Worte Jesus am Kreuz gesprochen haben mag. Ob er am Ende geschrien hat oder still verstorben ist. Ob seine letzten Worte Worte der Verzweiflung oder eines tiefen Vertrauens gewesen sind.
Was ist denn da nun wirklich geschehen?
Keiner, der uns etwa dreißig Jahre später vom Sterben Jesu erzählt, war wirklich dabei und hat es miterlebt. Alle vier Evangelisten schrieben auf, was sie gehört hatten von anderen auf vielerlei Wegen. Keiner der vier will einen Tatsachenbericht oder ein Protokoll anbieten.
Die wirklich wichtige Frage, die uns zum Beispiel Lukas hier beantworten will, ist die: Was sollen wir glauben, wenn wir seine Geschichte vom Sterben Jesu lesen und hören?
Wir sollen das glauben, was Lukas von der ersten Seite seines Evangeliums an erzählen will: Hier stirbt der Heiland. Hier stirbt der, der das Heil bringt. Lukas liebt das Wort Heiland.
Von Anfang an gebraucht er es, wenn er von Jesus erzählt. Schon Maria spricht es aus. In der Weihnachtsgeschichte.
Und in allen seinen Worten und Taten, so erzählt Lukas, zeigt sich Jesus als der Heiland, der Helfer, Retter, Fürsorger und Heiler. Selbst am Lebensende, am Kreuz.
Drei außergewöhnliche Sätze spricht Jesus in der Version des Lukas:
Kaum sind die Nägel an allen drei Kreuzen eingeschlagen, bittet Jesus für die Folterschergen, die befehlsgewohnt ihre Arbeit verrichtet hatten: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun”.
Jesus wird nicht sterben, ohne möglichst allen vergeben zu haben. Selbst seinen Henkern.
Dann entsteht noch ein Gespräch der zwei Verbrecher mit Jesus und untereinander. Einer der beiden wird noch im eigenen Sterben Jesus verspotten. Mit dem übelstem Sarkasmus, der ihm noch bleibt. Der andere aber weist den Lästerer zurecht und bittet Jesus zugleich um dessen gnädiges Gedenken. Dem antwortet Jesus dann: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Jesu letztes Wort ist dann nicht ein Schrei, sondern ein Abendgebet, das wir in jeder Bibel finden: Psalm 31: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“
So stirbt der Heiland, erzählt uns Lukas. Er stirbt versöhnt, lässt uns Lukas für alle Zeit wissen: versöhnt mit den Tätern, versöhnt mit der Welt in Gestalt der Gekreuzigten neben ihm, versöhnt mit Gott, seinem Vater.
Versöhnung ist Verzeihen von Schuld;
Versöhnung ist Segnen auch der Übeltäter;
Versöhnung ist Vertrauen zum himmlischen Vater.
Was braucht Ihr denn mehr, Ihr Christen, erzählt Lukas, als die Versöhnung mit Gott und der Welt und also mit euch selbst?
Die Kinder haben mich also gefragt: “Warum hängt denn da ein Mann?”
Und ich habe geantwortet, so wie ich es selbst verstanden habe und glaube. Und so, dass sie es ein wenig verstehen oder nachvollziehen konnten. Ich habe gesagt:
... Ach wissen Sie was? Ich finde die Predigten am besten, die zum Mit- und Weiterdenken einladen. Was also hätten Sie geantwortet?
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.







 
 
 
 
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